Es gibt Momente, in denen wir zwischen zwei Polen schwanken:
🔹 Einerseits wollen wir verstehen – was die andere Person bewegt, was sie braucht, warum sie sich so verhält.
🔹 Andererseits spüren wir den Impuls, uns abzugrenzen – weil etwas zu viel wird, weil wir nicht übergangen werden wollen oder weil uns etwas verletzt.
👉 Dort wo wir uns aufgrund unserer Prägungen und Biografien speziell herausgefordert fühlen und uns abgrenzen möchten, liegt der Ansatzpunkt. Das Wahrnehmen und gegenseitige Verstehen-Wollen von Abgrenzungs- und Identifikationswünschen hilft, diese loszulassen.
Abgrenzung schützt das eigene Ich. Wenn wir uns immer wieder abgrenzen müssen, oder wenn Wut, Hass, Angst, Neid oder Ohnmachtsgefühle überhandnehmen, ist dies nicht gesund. Es stresst aus zwei Gründen:
1. Die Verbindung (als Abwendung) bleibt bestehen, kommt immer wieder hoch und belastet Psyche und Körper.
2. Es entsteht nichts Neues, man dreht sich im gleichen Spannungsfeld: Wunsch nach Nähe vs. Wunsch nach Distanz
📉 Studien zeigen: Menschen, die wenig soziale Verbundenheit erleben, haben ein höheres Risiko für Depressionen, Angststörungen und sogar Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So beschreibt z. B. eine Metaanalyse von Holt-Lunstad et al. (2015), dass soziale Isolation das Sterblichkeitsrisiko genauso stark erhöht wie Rauchen oder Fettleibigkeit.
👉 Was wir oft übersehen: Auch in gut funktionierenden Teams oder Führungsgremien kann diese „leise Trennung“ auftreten – durch Konkurrenz, Missverständnisse, Angst vor Kontrollverlust oder verletztem Vertrauen.
Dies zeigt sich dann darin, dass man übereinander redet, anstatt miteinander. Ich erlebe dies immer wieder in Organisationen, wo «Klartext» gesprochen wird, aber nur in Abwesenheit der Betroffenen.
👉 Es gibt zwei Möglichkeiten, es besser zu machen:
1. Ich stelle meine Wahrnehmungen mit allen meinen Prägungen zur Verfügung, indem ich offen und direkt mit den Menschen spreche und wir aus den Wahrnehmungen eine neue Meinung gemeinsam formen.
2. Wir gestalten etwas miteinander, wobei ein neuer Beitrag entsteht, das uns (wieder) mehr verbindet,
So kann ein neues Feld entstehen – ein Raum, in dem nicht mehr Selbstschutz und Verteidigung wirken, sondern Gestaltung. Dieser Raum wird zum Nährboden für das WIR.
«Out beyond ideas of rightdoing and wrongdoing
There is a field I will meet you there
When the soul lies down in that grass
The world is too full to talk about”
(Rumi, persischer Dichter)
Die afrikanische Ubuntu-Philosophie bringt es auf den Punkt: „Ich bin, weil wir sind.“
Den Gedanken kann man noch weiterführen :„Wir sind, durch unseren Beitrag.“
Der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky betonte: Menschen bleiben gesund, wenn sie erleben, dass das, was sie tun, verstehbar, handhabbar und sinnhaft ist – drei Bedingungen, die besonders in einem echten WIR entstehen.
Diese Erfahrung verändert nicht nur die Zusammenarbeit – sie wirkt regulierend auf Stress, stärkt das Immunsystem (vgl. Cohen et al., 2010) und schafft langfristig Resilienz. Warum? Weil sich Zugehörigkeit, Sinn und Mitgestaltung direkt auf unser neuronales Belohnungssystem auswirken.
Das WIR ist keine Komfortzone. Es ist ein Lernraum. Wer diesen Raum betritt und gestaltet, wird nicht nur beziehungsfähiger – sondern auch gesünder.
Wo erleben Sie in Ihrem beruflichen Alltag eher Trennung – und wo echtes WIR?



